National-befreite Zone Colditz: weltoffenste Stadt des Muldentals (LVZ)

»Colditz ist weltoffener geworden«

Zwischen Hoffen und Angst: Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus geht weiter

Colditz. Rechtsextremistische Aktionen machten einst Schlagzeilen in Colditz. Aktuell wird die Situation unterschiedlich eingeschätzt. »Es ist ruhiger geworden«, sagt Apotheker Eberhard Jasinski: »Ich frage mich, ob die Rechten plötzlich alle vernünftige Frauen geheiratet haben und die Linken ausgewandert sind.« Seine Beobachtung mache er nicht zuletzt am Silvesterfeuerwerk fest: »Vor Jahren beschossen sich Rechte und Linke noch gegenseitig mit Raketen.« Auch der ehemalige Bürgermeister Manfred Heinz glaubt, dass jene schlimmen Zeiten vorbei sind, als Colditz noch Aufmarschplatz für Neonazis war: »Der Tiefpunkt war damals der Überfall auf einen alternativen Jugendtreff. 100 Rechtsextreme hatten sich auf dem Sophienplatz zusammen gerottet, um die alte Turnhalle zu stürmen.« Heinz nannte bürgerschaftliche Initiativen gegen den Rechtsextremismus, die seiner Meinung nach fruchteten und unbedingt weiter geführt werden sollten. So sei die Kooperation mit Polizei und Justiz intensiviert worden, es habe einen von Schulen und Kitas ausgerichteten Kindertag gegeben sowie die Aktion »bunte Stadt Colditz«. »Bürger gründeten das ›Colditzer Bündnis – vielfältig, demokratisch, weltoffen‹ . An jedem 1. September veranstaltet die Kirchgemeinde unter Leitung von Pfarrerin Angela Lau seither Friedensgebete«, so Heinz.

Ralf Gorny, Inhaber einer Colditzer Pension, beherbergt täglich auch britische Gäste. Er freut sich auf die Dreharbeiten einer englischen Filmgesellschaft, die im März die Fluchten aus dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager nachstellen wird. Gorny bezeichnet Colditz mit Schloss, Europajugendherberge, Landesmusikakademie und zweisprachigen Speisekarten zwar als weltoffenste Stadt des Muldentals, doch gebe es nach wie vor Tendenzen einer national-befreiten Zone. Er erinnert an einen jungen türkischen Gastwirt, der sich mutig und offensiv zu behaupten versuchte, Colditz letztlich aber den Rücken kehrte, auch, weil dessen Vater, so Gorny, dem Druck nicht mehr gewachsen war. »Es stimmt, jugendliche Cliquen, die einst durch die Stadt zogen, konnten zurück gedrängt werden. Aber die schweren Jungs ziehen im Hintergrund weiter die Fäden. In Colditz gab es bis vor kurzem mehrfach Neonazi-Konzerte.« Die Angst in der Stadt sei nach wie vor präsent, betont Gorny. Nicht umsonst gebe es neben dem Colditzer Bündnis auch noch eine lose Gruppierung von bis zu 30 Bürgern, die in ständigem Austausch über Aktivitäten der Rechtsextremen stehe: »Der Gruppe gehören Gleichgesinnte aus allen sozialen Schichten an. Da viele von ihnen bedroht und geschädigt wurden, agieren sie aus dem Untergrund heraus

Bürgermeister Matthias Schmiedel warnt davor, das Thema Rechtsextremismus hochzustilisieren: »Wenn ich ständig in den Wald rein rufe, brauche ich mich über das Echo nicht zu wundern.« Soll heißen, den Rechten nicht noch zusätzlich eine Plattform zu geben: »Die treten doch nur dort in Erscheinung, wo kein anderer ist. Wir selbst müssen in der Öffentlichkeit aktiv werden.« So sei etwa zu begrüßen, wenn japanische Künstler ein spontanes Konzert auf dem Markt geben. Auch Ronny Kriz vom Lastauer Kirchenvorstand macht sich stark für mehr Leben in der Stadt – von Birkenfest über Windelrocker bis Friedensgebet. »Beim Zeugnis der Betroffenheit können Bürger aufstehen und sagen, was sie stört und was sie ändern möchten.« Kriz würdigt die »Säule der Völkerverständigung« vor der Sophienschule: »Doch, Colditz ist weltoffener geworden.« – Haig Latchinian

Faksimile: Leipziger Volkszeitung (Muldental), 26.01.2012, Hervorhebungen: „Hallo Borna“